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Sonnenaufgang im Duvenstedter Brook [18]

Letzten Samstag klingelte der Wecker um unchristliche 3:35 Uhr, um möglichst früh mit der U-Bahn nach Ohlstedt zu fahren. Der Grund, der märchenhafte Sonnenaufgang im Duvenstedter Brook (Moor).

Um zwanzig nach vier laufe ich schon auf Kopfsteinpflaster durch den Wohldorfer Wald Richtung Kupfermühle, der Weg bis zur Siedlung um den Wohldorfer Hof ist sogar beleuchtet. Als plötzlich zwanzig Meter vor mir etwas Dunkles aus dem Schatten tritt. Ein Wolf? Ein Wildschwein! Ich halte an. Es geht rasend schnell, das Tier, ein junger Keiler, pest zum Glück im 90 Gradwinkel mit einem Affenzahn von dannen. Mit einer Dynamik, welche ich einem Wildschwein so nicht zugetraut hätte. Meine erste Wildschweinbegegnung. Imponierend, gleichermaßen fasziniert wie erschreckt gehe ich erstmal 50 Meter, die Umgebung “witternd”, alle Sinne im Hier und Jetzt, um dann aufmerksam weiterzulaufen.

Der malerische Kupfermühlenteich, die alte Mühle und dieser wunderbare Weg zwischen zwei Feldern Richtung Brook. Links Pferde, wovon einige auf mich zulaufen, mich begrüßen. Die Felder nebelumhangen, leicht hügelig, Stormaner Schweiz. Hintergrundgezwitscher, Morgenröte, in der Ferne kanonisches Froschquaken. Während des Laufens ein Gefühl wie Chopin – nocturne no. 1, op. 9 in b-flat gespielt von Artur Rubinstein.

Kaum zu glauben, wie sich die Landschaft verändert hat. Noch Anfang März wirkte das Moor fast leblos. Nun das pralle Leben. Auf zum Grenzwall, auf diesem kitzeln mich die Spitzen der zu allen Seiten auseinanderfallenden Grashalme der Gräserbüschel am Wegesrand und hinterlassen auf den Schienbeinen Morgentau, welcher mich, dort abgestreift, durch den Laufwind kühlt. Ein markerschütternder Schrei eines Kranichs. Vorbei am Hexenstein und Ziegenmelkerbusch. Das Vogelorchester hier besonders laut. Heraus fällt nur das Uhumännchen: Bu-Hu, das Weibchen antwortet: U-Hu. Dann ist ja alles in Ordnung. Die Sonne steht nun in der Ferne in Wipfelhöhe, ihre Lichtstrahlen scheinen schräg flach herab in die Birken- und Kiefernwälder, orange-rötliche Stämme, warme gelbe räumliche Flutung. Flora grün wie das Gras in Tahiti Duvenstedt. Der Nebel lichtet sich ein wenig. Überall auf den Gräsern zeichnen sich Spinnennetze ab, Morgentau auf den Garnen perlend, in der Mitte der Kunstwerke die Künstlerinnen, auf Durchgangsverkehr wartend.

Vom Grenzwall auf den Bültenskrugweg. Höhe Brandsmoor ein aufgeschreckter Schwarzspecht, tief über einem Graben fliegend, ein wunderschönes Tier. Überhaupt schrecke ich einige Tiere auf, die meisten höre ich nur davonjagen, was mich manchmal denken lässt, dass ich hier nicht hingehöre und die Tiere besser in Ruhe ließe.

Passiere mehrmals Teiche, die auf mich wie ein fabelhaftes Riesenreptil wirken, zusammengesetzt aus tausenden Stimmen Um-die-Wette-Quakens lärmbelästigenden Ausmaßes. Mindestens zwei Arten, Moorfrosch und..? Oder Männchen und Weibchen? Apropos, nun, es wäre nicht Hamburg, starten vermehrt Flugzeuge in Fuhlsbüttel, drehen hörbar in Sichtweite ab. Ein weiterer Grund für den sehr frühen Moorbesuch. Hamburg ist für mich vor allem Ort von räumlichen Brüchen. Hier: Luftraum –> Verkehr, Boden –> Naturschutzgebiet. Gegensätze. Sei es die einsame Mohnblüte im Industriegebiet oder hier das startende Flugzeug in Moornähe.

Da kribbelt doch etwas an meinen Beinen, wirklich hunderte(!) Schnaken saugen an mir als gäbe es kein Morgen. Sie – abschütteln – Zwischensprint – weiter – im Takt – erdender Schritte, morgendlicher Frische. Überquere die Ammersbek, links von mir ein Feld mit einem kleinen Baumbestand in der Mitte, davor zwei in der Sonne äsende Rehe (Rehböcke ziehen allein durch Wald und Flur), ein Feldhase, von welchem ich nur die Löffel erspähen kann – dieser Schlawiner. Dann vor mir auf dem Weg? Da ist doch was. Halt, schleiche an, zwei Hasen, die sich auf dem Weg mümmeln. Natürlich bemerken sie mich bald, aber anstatt wegzulaufen, schauen sie mich an, als wollten sie mich für die Störung schelten. Ich laufe wieder, auf sie zu, sie laufen auf dem Weg vor mir her. 200 Meter etwa, dann pesen sie aufs Feld und mir kommt das Lied vom Vince Guaraldi Trio – Oh, Good Grief in den Sinn.

So läufts am Waldfriedhof vorbei in den Wohldorfer Wald, treffe einen Läufer, wir grüßen uns freundlich mit konspirativen Blicken der wissenden Genießer. Vorbei am Hexenhäuschen und zur U-Bahn zurück. Auf der Rückfahrt ebenfalls vom Vince Guaraldi Trio – Happiness is im Sinn. Dankbar, solch schöne Momente in Stadtnähe erleben zu dürfen.

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