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am liebsten draußen – unterwegs

Deichwanderweg an der Krückau bei Elmshorn [32]

Am Ostermontag Nachmittag hatte ich mir überlegt, nach Elmshorn zu fahren und von da aus die Krückau entlang bis an die Elbe zu laufen. Von dort wollte ich eigentlich bis nach Wedel weiter und von da aus mit der S-Bahn wieder zurück. Ich schaute nur kurz auf die Landkarte, schätzte die Länge der Strecke und fuhr los. Es blieb nicht mehr so viel Zeit bis Sonnenuntergang.

In Elmshorn angekommen erwartete mich ein Krächzen von direkt über dem Bahnsteig brütenden Saatkrähen. Wolkenbehangener, düsterer Himmel, Wind wie am Meer. Die Krückau verläuft direkt unter dem Bahnhof, also fiel die Orientierung nicht schwer. Der Wasserstand zeigte Ebbe an und so ging es vorbei an der Kölln-Fabrik schon bald an den Rand der Stadt. Von Zeit zu Zeit roch es nach Watt. Ich war zuvor noch nie in Elmshorn, von der Krückau wusste ich kein Bisschen. So überraschte mich ein Schild, welches zur Deichwanderung einlud. Das ließ ich mir nicht zweimal anbieten, also rauf auf den Deich. Eine schöne Abwechslung. Die Deichkrone war trocken, die Grasnarbe recht hoch und so lief ich auf dem Deich Richtung Elbe. Raben am Wegesrand. Der Wind nahm plötzlich zu und peitschte den Regen gegen meine linke Gesichtshälfte, zum Glück nur für eine kurze Zeit. Kaum aus dem Stadtgebiet heraus sind Graureiher und Bussarde zu sehen. Hasen in einer Anzahl wie seit Jahren nicht mehr. Auf den Läufen seit November habe ich keinen einzigen zu Gesicht bekommen. Hier, auf der Binnenböschung, am Ostermontag, gleich fünf. Drei Fasane, ein Rebhuhn, einen Silberreiher, Schwäne, einen Schwarm Nonnengänse, ein Schwarm Stare, Schwäne.

Die sattgrünen Elbmarschen sind malerisch schön, hier scheint die Welt noch in Ordnung. Das hätte ich so nicht erwartet und laufe glücklich durch diese Kulturlandschaft, das Runner’s High kombiniert mit dem Natur-High quasi. Im Gegenteil zu den Marsch- und Vierlanden oder dem Alten Land geht es hier beschaulicher zu, alles ist etwas kleiner vom Maßstab her. Ich passiere Neuendorf. Einfamilienhäuser und reetgedeckte alte Höfe ziehen sich kilometerlang den Deich entlang an einer einspurigen Straße. Nun muss ich alle paar hundert Meter Zäune überklettern, das erinnert mich an den Allgäu, an die vielen Wanderungen bei Oy-Mittelberg während meiner Zivildienstzeit. Dezente Steighilfen wie Steine und Stücke von Wasserschläuchen über dem Stacheldraht zeigen mir, dass es erlaubt ist hier weiter zu laufen. Bussarde noch und nöcher, die Deiche werden von Mäusen bevölkert, so dass die Greifvögel hier ein Paradies vorfinden. Einen erschrecke ich dermaßen, dass es eine Freude ist, ihn in Perfektion davonschießen zu sehen.

Für Marschen typisch befinden sich überall Entwässerungsgräben, Teiche, Brachflächen.Was mir auffällt, die Stockenten müssen hier bejagt werden, da sie vor mir hastig fliehen. Als Stadtmensch ist man das kaum noch gewohnt. In Hamburg sind viele Wildtiere zahm, weil sie eben wissen, dass ihnen dort von Menschen kein Unheil droht. Die Tiere sind alles andere als dumm. In der Großstadt finden sich mehr Tierarten als in landwirtschaftlichen Monokulturen. Viele Vogelarten habe ich zum ersten Mal in meinem Leben in der Großstadt angetroffen. Schon eine verrückte Welt. Aber an einer Pflanzenart hängen bis zu 20 Insektenarten, die wiederum von Spezialisten aus dem Vogelreich benötigt werden, um überleben zu können. Wird dann nur noch Mais oder Raps angebaut, verschwinden mit den Nutzpflanzen auch Insekten und damit letztendlich auch die Vogelvielfalt. Um so schöner, dass ich hier recht viele Tiere antreffe. Durch das Pfeifen des Windes höre ich keinen Autolärm oder Ähnliches, so laufe ich ein wenig in der Illusion von abgeschiedener Ruhe und Natur, eine Zugstation vom Hamburger Hauptbahnhof entfernt. Nur als ich ein paar Windrädern nahe komme, höre ich ein Geräusch, welches sich wie fern vorbeifliegende Flugzeuge anhört.

Nach 15 Kilometern komme ich am Krückausperrwerk an und muss feststellen, dass dieses erst ab 1. Mai in Betrieb ist. Ich komme nicht über die Krückau! Die Flut hat eingesetzt, rüberzugehen ist also nicht drin, genausowenig zu schwimmen. Zu kalt. es wäre auch zu gefährlich. Die Elbe kann ich schon erkennen, auch die Krückau ist hier recht breit. Da kommt zum ersten Mal die Sonne heraus, also keine Zeit zum Grämen, denke ich mir. Was nun? Ich laufe zu einem alten Mann nicht weit entfernt und frage ihn, wo ich die Krückau überqueren könnte. Er sagt: Einmal „return to sender“. Und lacht, genau wie ich. Also los. Einmal noch näher an die Elbe heranlaufen, den Schafen für die Deichpflege danken und dann den Weg zurück.

In Straßenlaufschuhen auf dem Deich zu laufen war doch etwas anstrengend. Die Fussmuskulatur klagte ein Lied von Asphalt träumend. So lief ich lieber auf der schmalen Straße neben dem Deich zurück und erfreute mich am Anblick der meist alten Häuser. In Elmshorn zeigte sich dann noch einmal die Sonne und schenkte den Spaziergängern und mir einen Regenbogen, dessen eine Ende mir den Weg zum Bahnhof wies.

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4 Kommentare

  1. ladyfromhamburg 31. März 2016

    Durch deine Laufstrecken lerne ich Ecken kennen, die ich auch noch nie besucht habe. Elmshorn ist mir ein Begriff, dort war ich schon. Dass es, kaum dass man die Stadt in Elbrichtung verlässt, entlang der Krückau gleich so ländlich-ruhig ist und vor allem solch eine Artenvielfalt in der Tierwelt existiert, hätte ich gar nicht vermutet! Doch du erklärst gleich die Zusammenhänge und dieses Gesamtpaket aus Streckeneindruck, Landschaftsbeschreibung, Lauf, Naturbeobachtung und -information – angereichert mit tollen Fotos! – macht aus deinem Blogpost für mich ein echtes Highlight beim Lesen. Gefällt mir sehr!

    LG Michèle

    • Pesen 8. April 2016 — Autor der Seiten

      Das freut mich, war auch sehr überrascht über die Ruhe und die relativ vielen Tiere. Es war am Ostermontag, dementsprechend ruhig. Und Danke Schön! Versuche den Weg dahingehend weiterzumachen, muss aber noch sehr viel üben. Touren sind zum Glück noch genügend da.

  2. Ule Rolff 24. April 2016

    Danke, dass du meinem Blog folgst. Du bist mir sehr willkommen – und ich danke dir für diese fantastischen Berichte und Fotos, die mir deine Stadt und ihre Umgebung auf ganz andere Weise nahebringen als bisher. Merkwürdig, wie du der Stadt und ihrem Gewimmel davonläufst und zugleich für ihre besonderen Vorzüge wirbst. Egal wie, man kann Hamburg gegenüber wohl nicht gleichgültig bleiben.

    • Pesen 8. Mai 2016 — Autor der Seiten

      Ich danke Dir. Genau an dem Tag als ich Deinen Blog entdeckte, kamen die Wörter gerade recht.
      “ sturm geballter luft
      schlendern und schau! zischt
      giftig die tür dich an
      schubsen rein schnell

      vorsichtpassaufmachplatzda WEG“

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